Scalära-Tobel

  

Wer nicht an Geister glauben will

soll nach Scalära gehn.

Dort hat der Teufel oft sein Spiel,

dort kann er Geister seh’n.

Gespenstige Gestalten

in diesem Tobel walten.

Huh, huh wie tönts so schauerlich

im öden Steingeklüfte

Zerrissene Felsen heben sich

ringsum in die Lüfte.

Und düstere schwarze Tannen

am Felsen einsam hangen.

 

Man hört im toten Felsgestein

nur Wassertosen brausen,

der scheuen Eule nächtlich schrein,

die Winde stöhnend sausen,

der Steine donnernd Fallen

iIm dumpfen Wiederhallen.

 

Ja wahrlich wer den Schauder liebt

kann dort noch bessern finden

als je es in Romanen gibt

und gratis ihn empfinden.

Dort kann er es ganz deutlich sehen,

wie ihm die Haar zu Berge stehen.

 

Denn liebe Leut nach oben rein

ist dort den nicht geheuer,

nach alten Sagen soll dort sein

der Churer Fegefeuer.

Wer recht nicht tut im Leben

muss dorthin sich begeben.

 

Kaum liegt den so ein armer Tor

im Grabe tot begraben,

holen zwei Kapuziener ihn hervor

und führen ihn von dannen.

Dem Geist zu beiden Seiten

sie nach dem Tobel schreiten.

 

Von jeder Zunft, von jedem Stamm

wie sie auch Namen führen,

sind einige dorthin verbannt,

die sich repräsentieren.

  

Ein Bäcker wiegt beständig Brot

er wollt zuviel einst sparen.

Jetzt fehlet immer ihm ein Lot

drum kratzt er in den Haaren.

Ein Müller sitzt auf Säcken

und möchte sich verstecken.

 

Ein anderer muss blätterweise

ein Kartenspiel verzehren,

man sieht ihn an der mageren Speiss

die Augen stark verkehren,

weil sein verwöhnter Magen

sie nicht gut kann vertragen.

 

Ein Metzger muss zu seinem Fluch

mit sich die Waage ziehen,

statt Ochsenfleisch im Metzgerbuch

oft altes Kuhfleisch korrigieren.

 

Ein Gerber hat es schrecklich heiss

und muss bedenklich schwitzen,

um mit seinem sauren Schweiss

das Leder anzuspritzen.

Die Lederhändler müssen es

ihm helfen zu begiessen.

 

Nun sieht man auch

man glaubt es bloss

dort alte Advokaten,

auf einem hohen Aktenstoss

ihre eigene Zunge braten,

die ihnen ausgeschnitten,

weil sie zuviel gestritten.

 

Ja leise darf man’s sagen

man sah auch Pfarrerskragen.

Man sieht sie dort im Mondenschein

an kahlen Felsenwänden.

Einer hat, ein Freund vom Wein

ein leeres Glas in Händen

und traurig tuts begucken,

weil nicht’s mehr ist zu schlucken.

 

Man sah auch Herren der Obrigkeit

sich ab die Finger beissen,

weil sie gebrochen ihren Eid

und Stückweit weg sie schmeissen.

Doch kann ich nicht’s beweisen,

weiss nicht wie sie geheissen.

 

Ein anderer an den Finger zählt

und trägt auf seinem Rücken

den Armen abgepresstes Geld,

es will ihn fast erdrücken.

Ein Schneider unverfrohren

schleppt Tuch, das er gestohlen.

 

Nun aber sind auch Frauen

an diesem Ort zu schauen.

Man sah vor wenig Wochen bloss,

dass Frauen auf den Tannen

geschminkt, ein Hündchen auf dem Schoss

mit grossem Eifer spannen,

weil sie sich im Leben

nicht mit spinnen abgegeben.

 

Andere auf vermoostem Stamm

Romanenbücher lesen

und andere kehren dann

das Ttobel mit dem Besen.

Andere wiederum berichten

verleumderische Geschichten.

 

Wie schon gesagt hat jeder Stand

dort seine Repräsentanten.

Besondere sind da noch bekannt

Goldschmiede, Negotianten,

viele Wirte, Schuster, Färber

Und auch arge Frauenspärber.

 

Zuweilen kommt die Geisterschaar

um Mitternacht zusammen.

Ziehen zu Rosse Paar für Paar,

die Rosse schnaufen Flammen,

zum Rheine in die Fluten,

zu löschen ihre Gluten.

Der Letzte von der Reiterei

ein ledig Pferdlein führet.

Und fragt man ihn wozu es sei,

so spricht er, es verlieren

bald der und der das Leben,

dem wird es dann gegeben.

 

Wenn in der Nacht zu St. Chrispin

so würzig sind die Lüfte,

ziehen sie auf zum Rheine

und saugen ein die Düfte,

die bis zu ihnen dringen

und lassen Gläser klingen.

 

Sie denken an die gute Zeit,

die ach für sie verloren,

klagen sich ihr Herzeleid

und geben dann die Sporen.

Hurra und hop geht’s weiter

und Funken sprühn die Reiter.

 

Mitunter gibt es einen Ball

im Winter auf dem Eise.

Sie tanzen ohne Klang und Laut

man sieht sie still und leise.

Im Kreise sie sich drehen,

den Walzer sie verschmähen.

Geschmolzener Schwefel wird serviert,

die Sterne sind die Lichter

und der Schwarze selber dirigiert.

Die bleichen Grabgesichter

der Männer und der Frauen

sind grauenhaft zu schauen.

 

Wer etwa das nicht glauben will,

was eben ich berichte

und meint es sei ein leeres Spiel,

erlogen die Geschichte,

der solle die von Trimmis fragen

denn diese können es ihm sagen.

Sie werden oft beim nach Hause gehn

durch diesen Spuck gestört,

sie sehen was kein Ohr gesehn

sie hören was kein Aug gehört.

In keines Menschenherz ist’s gekommen,

was sie dort haben vernommen.

 

Was aber die Churer am meisten quält

in diesen Geistersachen

ist, dass in dieser Tobelwelt

auch noch Beiseis Anspruch machen.

Das wäre zu unbescheiden,

kein Bürger darf dies leiden.

Die schlechten Beiseis kommen alle in die Hölle,

es gäb sonst ein zu grosser Schwall

für diese kleine Stelle.

Nur Churer sind so nobel

zu kommen in das Tobel.

 

Das ist nun ihr Privilegium

Gemeindegut ihr Geister

Dort rumoren sie herum,

dort spielen sie den Meister.

Und diesen alten Glauben,

soll den Churer niemand rauben.